Schon beim Warten in der Schlange für den Einlass in die ausverkaufte Vorstellung, begegnen uns sonderliche Figuren, die uns auf die bevorstehende Beerdigung ansprechen. Schnell wird klar, was sie damit meinen: auf der Bühne stehen vier Stuhlreihen mit einem Gang in der Mitte. Auf der Seite eine kleine Urne. Auf den Zuschauerplätzen liegen Gedenkzettel an einen verstorbenen Mann mit dem Liedtext einer rätoromanischen Hymne. Sind wir wohl eher Gäste einer Beisetzung als Publikum des Unitheaters Basel? Die Zuschauertribüne füllt sich allmählich - und frohes Stimmengewirr den Raum. Vermehrt höre ich das Zischen einer sich öffnenden Bierdose, die viele Besucher*innen in den Abend begleiten soll. Das einsetzende Kirchglockengeläut erinnert uns schliesslich an den vermeintlichen Anlass des Abends und lässt das Stimmengewirr verstummen. Das Licht dimmt und die Trauergäste auf der Bühne, allesamt mit ergrauten Augenbrauen, verteilen sich auf ihren Plätzen. Der Schwiegersohn des Verstorbenen Ernst Bloch referiert über das Leben des Toten, während die weiteren Gäste seinen Monolog mit leisem Summen untermalen und andere beginnen, die Bühne umzubauen. Szenenwechsel. Von nun an zeigen sich verschiedene kurze Szenen, die ich vorerst nicht recht einzuordnen weiss. Freunde beim Kartenspiel. Ein Ehepaar beim Einkauf, deren Streit um die Wahl des Käses und die dahinter schwelende Grundsatzdiskussion über ihre Beziehung. Ein Sohn, der sich für Céline Dion hält und Playbackshows performt. Gespräche über geschuppte Fische und Perücken im Wartezimmer beim Arzt. Geheime Affären. «Habe ich ein Doppelkinn?».
Die fliessenden Übergänge zwischen den Szenen funktionieren, indem lediglich der Lichtfokus von einer zur nächsten Personengruppe verschoben wird (Licht: Björn Klingler) und diejenigen ausserhalb des Fokus’ im Freeze bleiben, was schon eine ziemliche Leistung ist, bedenkt man, dass einige Schauspieler*innen über längere Zeit stillhalten müssen. Die Bühne bauen die Spieler*innen während des Spiels um, was an ein unermüdliches Aufräumen erinnert – weisse Kartonblöcke werden gestapelt und geschoben und fungieren als Raumteiler, Wände oder Möbel und geben dem Raum eine neue Struktur (Ausstattung: Maude von Giese, Céline Müller).
Es tauchen immer wieder dieselben Figuren mit denselben Problemen in teils unterschiedlichen Konstellationen auf - und allmählich verstehe ich ihren Kontext. Als dann ein lebendiger Ernst Bloch mit seiner Frau über den Tod und über seinen Wunsch, eingeäschert und verstreut zu werden, diskutiert, wird auch die Rückblende, die die Szenen zeigen, erkennbar. Die Schauspieler*innen überzeugen nicht nur mit ihren Schauspielleistungen, sondern auch mit ihrem Gesang. Besonders herausstechend ist dabei Sophie Irion, die zeitweise hemmungslos mit dem Publikum flirtet und die vierte Wand durchbricht.

© Unitheater Basel

Uns werden triviale Alltagssituationen vor Augen geführt – Erlebnisse, mit denen viele von uns bereits konfrontiert wurden. Um den Schein des Erfolges und denjenigen eines glücklichen Lebens zu bewahren, belügen sich die Figuren und verheimlichen geheime Affären, betrügen einander und werden betrogen. Die Realität des Alltags holt die Charaktere auf der Bühne immer wieder ein und zeigt, dass das Glück nicht vor der Tür liegt. Die Spieler*innen halten dem Publikum den Spiegel vor, während wir machtlos das Geschehen mit ansehen müssen.
Mit der Romanadaption «Glücklich die Glücklichen» schafft das Unitheater Basel unter der Regie von Christof Hofer und Maude von Giese eine gelungene Inszenierung, die unterhaltsam ist und gleichzeitig zum Nachdenken anregt.
Kirchglockengeläut. Die Trauergäste auf der Bühne, allesamt mit ergrauten Augenbrauen, verteilen sich auf ihren Plätzen. Der Schwiegersohn des Verstorbenen Ernst Bloch referiert über das Leben des Toten. Das Stück endet mit «Glücklich sind die Glücklichen».

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